WÜRZBURG: UNVERHOFFTES WIEDERSEHEN von Alois Bröder. Uraufführung

Am Anfang steht ein Rührstück. Eine jener einst beliebten Kalendergeschichten, deren hoch geschätzter Meister Johann Peter Hebel gewesen ist. Eine merk-würdige Begebenheit aus dem schwedischen Falun, wo man im Kupferbergwerk die perfekt konservierte Leiche eines verunglückten Bergmanns gefunden hat. Eine alte Frau identifizierte ihn als ihren vor Jahrzehnten verschwundenen Verlobten.

Liebe, Tod, Zeit und der geheimnisvolle Ort unter der Erde inspirierten Literaten: E.T.A. Hoffmann bettete in die "Serapionsbrüder" die Erzählung von den "Bergwerken zu Falun" ein, in der er unter der Erde eine unheimlich-faszinierende Anderswelt erstehen lässt. Johann Peter Hebel schuf 1811, acht Jahre vor Hoffmann, seine kurze, prägnant konstruierte, symbolisch aufgeladene Geschichte "Unverhofftes Wiedersehen", die sich auf den Abschied der beiden Verlobten und ihre erneute Begegnung nach fünfzig Jahren konzentriert. Und der Komponist Alois Bröder wählte 2014/15 die Erzählung Hebels als Grundlage seiner zweiten Oper Unverhofftes Wiedersehen, die an einem symbolträchtigen Tag, am Johannistag, 24. Juni 2017, am Mainfranken Theater Würzburg uraufgeführt wurde.

Symbolträchtig deshalb, weil das Johannisfest, der längste Tag des Jahres, bei Hebel auch die Zeit ist, in der die Leiche des jungen Bergmanns geborgen wird. Sein tödlicher Unfall dagegen ereignet sich um das Fest der heiligen Lucia, also nicht weit weg von der Wintersonnwende, der längsten Nacht. Bröder, der den Text Hebels beinahe wortgetreu in 75 Minuten Musik fasst, verstärkt die symbolischen Konnotationen noch durch einen Prolog ("Die Erde") und einen Epilog ("Der Komet"): eine Reflexion über Stillstand und Bewegung, und ein Kapitel über den Kometen als Unglücksboten – in der Tradition, die von Johann Nepomuk Nestroy (komisch-melancholisch: "Lumpazivagabundus") bis Lars von Trier (depressiv-erlösungssehnend: "Melancholia") reicht.

Anders als Hebel gibt Bröder seinen Protagonisten Namen, Mathias und Anna, und verstärkt damit den Kontrast zwischen der individuellen Tragödie zweier Menschen und dem gleichmütigen Gang des Weltgeschehens. Sein Werk, eigentlich fünfteilig wie eine "grand opéra", nimmt in den drei zentralen Szenen die Gliederung Hebels auf. Dort wo der Autor die großen Ereignisse der Weltgeschichte Revue passieren lässt, im Zentrum des Textes, baut Bröder ganz auf die Musik: Fast zwanzig Minuten lang schweigen die Stimmen, nur der ausgezeichnet intonierende Chor zitiert das dritte Kapitel des alttestamentlichen Buches Kohelet, "Ein jegliches hat seine Zeit …".

Regisseur Markus Weckesser lässt in Würzburg – in Anlehnung an die Regieanweisungen in Bröders Libretto – in Videoprojektionen von Nikolai Kröhnert das Verstreichen der Zeit sichtbar ablaufen. Er wählt dafür zwei Ebenen: Eingeblendete Schriftbänder zitieren die weltgeschichtlichen Ereignisse, die Hebel in seinem Text aufzählt – vom Erdbeben von Lissabon bis zur Eroberung Preußens durch Napoleon. In Bildern aber zeigt er prägende Ereignisse der letzten Jahrzehnte: Rotkreuzschwestern im Krieg, Mondlandung, Kniefall Willy Brandts in Warschau. So wird der bloße Historismus vermieden, der sich sonst in den sorgsam gestalteten Kostümen einfacher Leute zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Götz Lanzelot Fischer nahegelegt hätte. Die alte Geschichte – sie ist auch eine unserer Zeit.

In der ruhigen, bewusst stilisierten Führung der Personen schafft es Weckesser ebenso, die Polarität einer realistischen Schilderung und eines exemplarischen Geschehens aufrechtzuerhalten. Der Pfarrer, ein konkreter Mensch (Taiyu Uchiyama), steht für Gottvertrauen, Glaube und Kirche, wie sie im alltäglichen Leben der Menschen präsent sind. Er reicht der fassungslosen Anna nach dem Unglück eine Bibel. Kein billiger Trost, sondern Verweis auf das einzig Tröstende: Ohne einen Gott, der die Überwindung des Todes im ewigen Leben garantiert, ist jede Hoffnung vergebens. Darauf zielt auch der Epilog, wenn der Chor angesichts einer möglichen kosmischen Katastrophe drei Mal "…in Gottes Hand" singt und damit die Oper schließt.

Der Tod dagegen, virtuos gespielt und sattelfest gesungen von Daniel Fiolka, ist in seiner flammend roten Farbe nicht von dieser Welt. Er holt die Menschen durch seinen bloßen Blick aus ihrem Leben hinaus in das unbestimmte Schwarz eines undurchschaubaren Raumes. Er greift unsichtbar in den Lauf des Daseins ein, zeichnet mit Kreide die Trennlinien zwischen den Liebenden auf den Boden, ruft Mathias schon vor seinem Unglück, trägt am Ende Anna wiegend hinaus.

Daß die Liebe stark sei wie der Tod, eine der zentralen Botschaften des Stücks, wird vom Frauenchor als Kommentar gesungen, während Anna den wiedergefundenen Bräutigam in ihrer Stube aufbahrt. Die andere ist die ambivalente Rolle der Zeit, wie wir sie in vielen romantischen Stoffen thematisiert finden. Der Tote bleibt ewig jung, die Lebende altert. Das Verstreichen der Zeit ist die Voraussetzung des Lebens. Die alte Frau hat gelebt, der junge Mann, der die Jahre unverändert übersteht, ist in seiner Jugend erstarrt und tot. Weckesser akzentuiert dieses Paradox des irdischen Daseins mit einer bemerkenswerten Szene im zentralen zweiten Teil: Während um sie herum in Schrift und Bild die Weltgeschichte und die Episoden ihres eigenen Lebens verflimmern, wird Anna auf offener Spielfläche von Natalja Krylova vor einem Spiegel vom blühenden Mädchen in eine verwelkte alte Frau verwandelt. Ein starkes Bild, das die Frage von Identität und Wandel eindrucksvoll in den Raum stellt.

In Würzburg wird die Bühne als Spielraum genutzt: Das Publikum sitzt auf drei Seiten der Hinterbühne, das Portal zum Zuschauerraum ist geschlossen, davor sitzt das Orchester. Die Nähe zum Geschehen schafft eine eigene Form von Betroffenheit und Intimität. Für die Darsteller eine Herausforderung, die Silke Evers (Anna) bravourös meistert. Ihr Mienenspiel, ihre genau kalkulierte Körperhaltung lassen die inneren Prozesse und Wandlungen erkennen: Wir sehen eine lebensvolle junge Frau, die zuerst die Nachricht vom Unglück ihres Gefährten gar nicht erfassen kann, aus der aber, je weiter das Schreckliche in ihr Inneres dringt, das strahlende Licht des Antlitzes schwindet. Und wir erleben die faltige Alte, tief gezeichnet von fünfzig Jahren Trauer, aus deren zerfurchtem Gesicht die steinerne Starre weicht, wenn sie ihren toten Freund in die Arme nimmt, bei der durch die fahle Haut wieder das Leuchten der Jugend dringt.

Eine große Leistung der Sängerin, die stimmlich durch differenziert gebildete, oft vibratolos in den Raum projizierte Töne den Charakter ihrer Rolle ausleuchtet. Überzeugend auch Roberto Ortiz mit einem stets leicht kehlig getönten Tenor, aber mit einwandfreier Artikulation und Klängen des Entsetzens, der Sehnsucht, der zärtlichen Zuneigung. Georg Zeies findet als Sprecher den rechten Weg zwischen neutralem Erzählton und schilderndem Pathos.

Alois Bröder hat bereits in seiner ersten Oper "Die Frauen der Toten" (Erfurt 2013) bewiesen, wie er mit seinen musikalischen Mitteln die Uneindeutigkeit der Zeit, die existenzielle Verunsicherung der Menschen, den Abgrund hinter einer bloß positivistischen Weltsicht gestalten kann. Der Darmstädter Komponist, Jahrgang 1961, der unter anderem bei Manfred Trojahn in Düsseldorf und bei Hans Ulrich Humpert in Köln studiert hat, bestätigt auch mit Unverhofftes Wiedersehen seine Sensibilität für Stoffe, die zwischen Tatsächlichkeit und Fiktion schwebend in seelische und geistige Regionen vorstoßen, in denen das Wirken übermenschlicher Kräfte eine "Realität" in Frage stellt, die keinen festen Boden mehr hat. Die Musik ist es, die Johann Peter Hebels Geschichte über das Rührstück hinaus auf eine symbolisch-exemplarische Ebene erhebt. Freilich kann Bröder dem epischen Grundzug des Stoffes nicht entkommen, aber das Mittel einer kleingliedrigen, vielfarbigen Musik lässt den dramatischen Steigerungsbogen nicht vermissen.

Knapp zwei Dutzend Musiker des Philharmonischen Orchesters Würzburg fächern mit einem vielfältigen – meist solistisch besetzen – Instrumentarium ein breites Spektrum klanglicher Farbmischungen auf. Bröder lässt mit ruhigen Klangflächen beginnen, die in sich aber gebrochen changieren, setzt die Harfe als "das" Instrument des Romantischen ein, bricht den atmosphärischen Klang durch Bläsereinwürfe auf. Die Schichtungen der Akkorde wirken äußerlich ruhig, sind aber nach innen immer wieder in ihrer Harmonie gestört. So schafft Bröder musikalisch auszudrücken, dass dieses scheinbar ruhige, stetige Leben der Menschen, die sich auf die Hochzeit freuen, bereits haltlos ins Schwimmen gerät. Der Tod ist präsent, noch bevor sein Hauch zu spüren ist.

Die Musik scheut sich nicht vor Illustrativem – sie ist echte "Theater"-Musik, verrät sich aber nicht an den Handlungs-Vordergrund, sondern leuchtet aus. Besonders in dem fast ausschließlich instrumentalen Mittelteil wird hörbar, wie Bröder musikalisch die Brücke schlägt zwischen den beiden handlungsbestimmten Flanken: Was für eine Oper herkömmlichen Stils zum dramaturgischen Todesstoß werden kann, ist in Unverhofftes Wiedersehen eine stimmige und sinnige Weitererzählung ohne Worte, aber mit sprechender, substanzvoller Musik. Beim Würzburger GMD Enrico Calesso ist diese fein gesponnene, bis auf wenige Ausbrüche filigran gehaltene Partitur in besten Händen: Mehr noch als in der Premiere hält er die Klänge flexibel, den Duktus des Metrums geschmeidig. Die Musiker sind mit punktgenauer Konzentration bei der Sache, vom Schlagzeug über die tiefen Bläser bis zum aufsteigenden Violinsolo im Schlussgesang Annas.

Alois Bröders Unverhofftes Wiedersehen ist noch ein Auftrag des Mainfrankentheaters aus der Intendanz Hermann Schneiders gewesen, der mit Beginn der Spielzeit 2016/17 das Landestheater Linz als Intendant übernommen hat. So kommt Bröders Oper zur unverhofften Zweitaufführung in Linz und der Opernkomponist zu seinem Österreich-Debüt: Am 25. Februar 2018 ist im BlackBox Musiktheater die Premiere. Die Vorstellungen in Würzburg waren meist ausverkauft.

Werner Häußner
(Der Neue Merker, 10.7.2017)

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Eine Liebe über den Tod hinaus – berührende Uraufführung der Oper „Unverhofftes Wiedersehen“ am Mainfranken Theater Würzburg

Annas sehnsuchtsvolle "Mathias"-Rufe klingen nach, als das Publikum das Theater verlässt. So herzberührend und so nah dürfte es bislang am Mainfranken Theater Würzburg wenige Opern erlebt haben. Als Auftragsarbeit hatte Komponist Alois Bröder Unverhofftes Wiedersehen fürs Haus geschrieben, vor wenigen Tagen feierte das 75-minütige Werk unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Enrico Calesso Uraufführung.

So mittendrin im Operngeschehen waren die Zuschauer dabei wohl noch nie. Der Publikumssaal bleibt diesmal leer, ebenso der Orchestergraben. Auf einer Seite der Bühne sitzt das Orchester, an den übrigen drei Seiten stehen Stühle für 200 Zuschauer, die dadurch selbst ein Teil der Inszenierung werden.

Der Chor (Chorleitung Anton Tremmel) betritt die Bühne aus den vier Ecken, gespielt wird mittig. Sobald die Bühnentechnik in Gang gesetzt wird, um den personifizierten Tod in die Höhe zu fahren, um die Grube auf Zuschauerhöhe anzuheben, um ein Erdbeben zu simulieren, wackeln die Stühle der Zuschauer mit.

Das Publikum spürt die Ereignisse am eigenen Körper, die Bildfülle auf der Bühne, auf den Leinwänden, auf Bildschirmen überfrachtet regelrecht mit Sinneseindrücken. So ist das Bühnenbild vonCatharina Bornemann zunächst schlicht, nur ein Komet schwebt drohend über den Zuschauerköpfen, dann fesselt es umso mehr.

Worum geht es? Ein Bergmann verunglückt kurz vor seiner Hochzeit und wird 50 Jahre später als konservierter Leichnam wiedergefunden – ein berührender Moment für die einstige Braut, die sich als alte Frau von ihrem angedachten Ehemann verabschieden kann. Die Erzählung stammt von Johann Peter Hebel aus dem Jahr 1811 – erstmals vertont wurde sie aber erst von Alois Bröder, Jahrgang 1961.

Der literarischen Vorlage näherte sich Bröder mit Respekt: Um die Poesie des Prosatextes beizubehalten, übernimmt er Passagen komplett, lässt einen Sprecher (Georg Zeies) rezitieren, wandelte nur hie und da für die Bühnenhandlung Textteile in direkte Rede um. Alois Bröder hat mit Unverhofftes Wiedersehen ein Meisterwerk komponiert. "Musik, die nicht erklärt werden muß", wollte er erschaffen, das ist ihm ohne Frage gelungen.

Das Philharmonische Orchester Würzburg unter Generalmusikdirektor Calesso setzt diese als emotionale Sinnesflut um. Und das Regie- und Bühnenteam um Markus Weckesser präsentiert eine große Inszenierung in intimer Kammerspielatmosphäre, die viele Zuschauer wohl nicht so schnell vergessen werden. Bei der Uraufführung blieben viele Sitzplätze leer. Doch wer Opern liebt, sollte sich eine der Folgevorstellungen keinesfalls entgehen lassen.

Michaela Schneider
(Main-Echo, 29.6.2017)

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ÜBER DAS LEBEN, DIE LIEBE UND DEN TOD
MAINFRANKEN THEATER WÜRZBURG – INTENSIVE UND BESONDERE OPERN-URAUFFÜHRUNG „UNVERHOFFTES WIEDERSEHEN“ VON ALOIS BRÖDER

In Tuchfühlung mit dem auf drei Seiten der Hauptbühne des Würzburger Mainfranken Theaters platzierten Publikum inszenierte Markus Weckesser die Oper Unverhofftes Wiedersehen von Alois Bröder, die jetzt mit vier Gesangssolisten, Chor, Sprecher und dem mit allen Instrumentenstimmen exzellent solistisch besetzten Kammerorchester unter Leitung von Generalmusikdirektor Enrico Calesso ihre Uraufführung erlebte. Die vierte Seite bei dieser 75-minütigen Vertonung der gleichnamigen Kalendergeschichte von Johann Peter Hebel nahm das Orchester ein. Mit rund 200 Plätzen auf gleicher Ebene und so hautnah am Geschehen zu sein, sollte sich für die Premierengäste bei diesem von atmosphärisch-sinnlicher Dichte geprägten Werk als ein großer Vorteil erweisen.

Ähnlich wie bei seinem 2013 am Erfurter Theater aufgeführten Opern-Erstling "Die Frauen der Toten" vertonte der 1961 in Darmstadt geborene Bröder mit überwiegend getragenen, sehr elegischen Gesängen eine emotional packende Kurzgeschichte, die in fünf Minuten zu lesen war, doch ungemein poetisch Liebe, Treue und Tod im Blickfeld hatte. Als eine seiner sogenannten Kalendergeschichten erschien sie erstmals 1811. Johann Peter Hebel ließ sich nach einer wahren Begebenheit von einem jungen Brautpaar im schwedischen Falun inspirieren, das kurz vor der Hochzeit durch den tödlichen Unfall des Bräutigams in einem Bergwerk für immer getrennt zu sein schien.

Dennoch bewahrte Anna das für ihren Bräutigam gefertigte Halstuch auf und trauerte 50 Jahre um ihn. Dann wurde in einem eingestürzten Schacht die von vitriolhaltigem Wasser komplett konservierte Leiche eines jungen Mannes gefunden, den die frühere Verlobte als jetzt fast 70-jährige, gebeugt gehende Frau als ihren Geliebten erkannte. Endlich konnte sie in der Gewissheit Abschied nehmen, daß es nicht bei diesem einem unverhofften Wiedersehen bleiben würde.

Alois Bröder vertonte nicht nur die anrührende Geschichte, sondern schrieb dazu ein noch stärker verdichtetes Libretto, das zwischen Wirklichkeit und Traum oszilliert. Nicht mit Worten, sondern mit seiner Musik erzählte er die Geschichte neu und sprach beim Zuhörer eine Bewußtseinsebene jenseits der puren Rationalität an. Passend dazu erblickte die Oper an dem Abend des Johannistages, dem längsten Tag des Jahres, der auf die kürzeste Nacht trifft, in Würzburg das Licht der Welt. Denn zur Sommersonnenwende, "etwas vor oder nach Johannis", wurde bei Hebel der äußerlich unversehrte Leichnam des jungen Bräutigams entdeckt.

Die Inszenierung von Markus Weckesser bewahrte die zutiefst tröstliche Utopie, daß unverbrüchliche Liebe gerade in ihrer Unerfülltheit alle Zeitläufe überdauern kann, ließ aber gleichzeitig erschreckend deutlich werden, wie kurz und fragmentarisch ein Menschenleben ist. Die im Zeitraffer erzählten politischen Umwälzungen Anfang des 19. Jahrhunderts vom Erdbeben in Lissabon bis zu den Napoleonischen Kriegen wurden auf einer Videowand als Texte projiziert, gleichzeitig aber ließ Nikolai Kröhnert weltbewegende Ereignisse der letzten 50 Jahre des Jahrhunderts bis zum jüngsten Brand des Londoner Grenfell Towers auf zwei weiteren Videowänden mit Fotos, die um die Welt gingen, Revue passieren.

Mit stimmigen, in Schwarz, Grau oder Weiß gehaltener Kleidung aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts erinnerte Kostümbildner Götz Lanzelot Fischer an ein weiteres halbes Jahrhundert vergänglichen Lebens, nachdem der spektakuläre Grubenfund im Faluner Kupferbergwerk ursprünglich im 18. Jahrhundert zu verorten war.

Nicht erst seit Verdis "Aida" oder Wagners "Tristan und Isolde" gab es reizvolle Versuche, zumindest auf der Bühne die Liebe den Tod überdauern und über Verrat und Vergessen siegen zu lassen. Als der ungemein prägnant singende, von Anton Tremmel präzise einstudierte Chor der Bergleute 50 Jahre nach dem Grubenunglück die Leiche von Mathias im Stollen – von Bühnenbildnerin Catherina Bornemann mit Gerätschaften jener Zeit unter einem ausfahrbaren Bühnenpodest detailbewußt nachgebildet und von Walter Wiedmaier tiefgrau beleuchtet – ans Tageslicht beförderte, kommt es zu einem der emotionalen Höhepunkte der Aufführung.

Zuvor war Anna vor den Augen der Zuschauer von der Maskenbildnerin – und früheren Tänzerin – Natalja Krylova in eine hochbetagte Frau verwandelt worden. Von ihren Gefühlen überwältigt, kam es für wenige Augenblicke zu einer freudigen Umarmung mit ihrem wieder ins Leben zurückgekehrten Geliebten. In diesen Momenten erschlossen sich die Energie und Emotionalität der Oper unmittelbar über die Musik und sparsame Gesten.

Daß alles nur ein vergeblicher Traum war, zeigte die Blume von Mathias, die Anna an den Ort ihrer ersten Umarmung ablegte und das von Anna mit rotem Rand gesäumte Halstuch, das Mathias zugedacht war, später aber achtlos auf dem Boden liegen blieb.

Mit wohltuender Zurückhaltung orientierte sich Bröders Textbuch an der literarischen Vorlage, die er in drei gleichwertige Teile gliederte. Erst ging es um die junge Liebe und das Abschiednehmen, dann wurde ein halbes Jahrhundert auf 20 Minuten gerafft, um dann den Aufbruch ins Unbekannte zu wagen. Immer dabei, doch für Anna, Mathias und die Bergleute unsichtbar, war der Tod im eleganten Anzug von Kopf bis Fuß in Rot auf Beute aus.

Bröders Komposition verweigerte sich zumeist dissonanten Klangbildern, sah man vom wilden Strudel der Vergänglichkeit des Lebens ab. Er verwendete die Farben aller Instrumente in wechselndem Zusammenspiel, um das Seelenleben der Protagonisten, das Unbewusste, die Sehnsüchte und die unschätzbare Macht der Liebe unmittelbar erlebbar zu machen; eine "Steilvorlage" für Enrico Calesso und seine Musiker, die Sänger und den Chor.

Die kantablen Qualitäten ihrer Sopranstimme und enormes Einfühlungsvermögen in die Seelenlage der treuen Braut Anna wußte Silke Evers mit einer durchgehend hohen Stimmlage ins Spiel zu bringen. Roberto Ortiz hatte als ihr Bräutigam Mathias mit geschmeidiger Tenorstimme zwei deutlich kürzere Auftritte. Daniel Fiolka verkörperte den für die Akteure unsichtbaren Tod; grellrot gewandet und geschminkt wird das bedrohlich Teuflische bebildert, das an Blut, Feuer und Zerstörung erinnerte.

Bassist Taiyu Uchiyama gab den Trost spendenden Pfarrer und Georg Zeies wusste als Sprecher die wunderbare Poesie der Vorlage zu bewahren. Fast prophetisch klangen seine Worte beim Prolog über die Erde und die Gestirne, die von Projektionen des Basler Totentanzes begleitet wurden, sowie der Epilog über den Kometen, der bedrohlich aus dem Bühnenhimmel herabschwebte.

Eine überaus beeindruckende Aufführung im Herzen des Mainfranken Theaters Würzburg, das mit seiner vibrierenden, fast an ein Erdbeben im Bergwerk erinnernden Podesthydraulik, noch sehr vital zu schlagen vermochte. Von einem Theaterbesuch dieser Intensität, der bei den wenigen weiteren Aufführungen nicht mehr vielen Besuchern vergönnt sein wird, lässt sich noch lange zehren.

Felix Röttger
(Mannheimer Morgen, Fränkische Nachrichten, 27.6.2017)

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Von der Unendlichkeit der Liebe – Uraufführung der Oper "Unverhofftes Wiedersehen" begeistert Publikum im Mainfranken Theater

Die letzte Premiere der Spielzeit war eine Uraufführung: Alois Bröder hat die Geschichte "Unverhofftes Wiedersehen" von Johann Peter Hebel zur anrührenden Parabel gemacht. Die letzte Premiere der Spielzeit am Mainfranken Theater – eine Uraufführung– wird zu einem atmosphärisch dichten Theatererlebnis. Am Johannistag vor zwei Jahren hat Komponist Alois Bröder die Arbeit an der Kammeroper Unverhofftes Wiedersehen abgeschlossen. Mit dieser Auftragsarbeit habe er "Blut geleckt" am Kreieren von Opernmusik. Dabei komme ihm der überschaubare Umfang der Kalendergeschichte von Johann Peter Hebel entgegen, der dem Werk zugrunde liegt, so habe er sich nicht "an umfangreichen Riesentexten abarbeiten" müssen.

Jahreskalender mit Daten, astronomischen Informationen, Lebensweisheiten und allerlei Ratschlägen, in denen auch Geschichten wie die abgedruckt waren, die der Komponist für sein Werk adaptiert hat, gab es im deutschsprachigen Raum ab 1500. Neben Bibel und Katechismus waren sie die einzige Lektüre, mit der die Bevölkerung auf Tugend und Moral hingewiesen werden konnte.

Johann Peter Hebels (1760-1826) Kalendergeschichte orientiert sich an einer wahren Begebenheit. Sie erzählt von einem Liebespaar, das kurz vor der Hochzeit auseinandergerissen wird: Der Bräutigam, ein Bergmann, kommt nach der Arbeit nicht mehr heim. 50 Jahre später entdeckt man eine Leiche, die keiner mehr erkennt – außer der einstigen Braut, die nicht in tiefe Trauer stürzt, sondern in freudiger Erwartung dem Tod entgegensieht.

Wie auch in der ersten Opernarbeit Bröders ("Die Frauen der Toten" von 2013, uraufgeführt am Erfurter Theater) geht es um Tod und eine mögliche Wiederkehr. Bröder leuchtet in Stimmungen hinein, will nicht nur verzwickte Handlungen, die möglicherweise von der Musik ablenken, in Tonfolgen kleiden.

So hat der Komponist eine eigene Musiksprache zu Hebels Text entwickelt, mit der sich Regisseur Markus Weckesser intensiv auseinandergesetzt hat. Entstanden ist ein in sich schlüssiges Werk mit einer Musik, die sich 75 Minuten lang selbst erklärt. In der es gelingt, das Zusammenspiel von Instrumentalisten, Solo-Sängern und Chor zu einer Einheit zu formen, die durch die vornehmlich in Grautönen gehaltenen Kostüme (Götz Lanzelot Fischer) ergänzt wird.

Intensive Videoprojektionen (Nikolai Kröhnert), die zeitgeschichtlichen Ereignisse und damit den Fluss des Lebens abbilden, fügen sich folgerichtig ein. Der Aufführungsort schafft für die Zuschauer spürbare Nähe zum Geschehen. Das Publikum sitzt auf der Hinterbühne, dort, wo Schnüre und Scheinwerfer, Gestänge und Technik in schwindelnder Höhe auf Einsatz warten, und atmen gewissermaßen mit den Akteuren.

Richtung Zuschauerraum sind die 16 Musiker platziert, die alle Farben eines großen Orchesters vertreten. Vor ihnen Dirigent Enrico Calesso, der umsichtig Transparenz und Balance in Bröders Klänge bringt. Außerdem Schauspieler Georg Zeies, der Prolog und Epilog zwar akzentuiert, aber unaufdringlich vorträgt.

Zum Greifen nahe die Sänger, die sich auf der mittig freien Fläche in alle Richtungen bewegen. Der klanglich hervorragende Chor übernimmt wechselweise die Rolle des Erzählers oder agiert eigenständig. Immer wieder sind es einzelne Töne, mal schrill, mal stechend scharf, mal aufseufzend oder wehmütig und weich, die sich in kleinen Melodien verfangen und zueinanderfinden.

Zeitweise scheint der Dirigent in Tonfolgen zu versinken, dann wieder entlockt er mit gespannter Körperhaltung raffinierte, moderne, glucksende oder rasselnde Klänge.

Das Liebespaar, Tenor Roberto Ortiz als Bräutigam Mathias, und Sopranistin Silke Evers in der Rolle der Braut Anna, singen und spielen ihre Partien anrührend und voller Inbrunst, Zärtlichkeit und Leidenschaft in Körperspannung und Stimme.

Im mittleren der in drei Teile geordneten Geschehnisse verwandelt die Maskenbildnerin die junge Braut in eine schlurfende Alte mit Warze und Falten im Gesicht, die das in der Jugend gestickte Tüchlein dem Liebsten im Tod um den Hals legt.

Nicht nur stimmlich und schauspielerisch setzt Bariton Daniel Fiolka gewohnt souverän Akzente. Im roten Anzug holt er sich die Menschen aus dem Dorf. Und Anna folgt ihm mit Entzücken. Zum Solistenteam gehört Taiyu Uchiyama als Pfarrer. Begeisterter Applaus des Premierenpublikums.

Ursula Düring
(Main Post, 26.6.2017)

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Musikalische Reflexion über die Zeit

Zeit, Vergänglichkeit, Ewigkeit sind Themen, mit denen sich Menschen immer wieder beschäftigen. Auch die dreiteilige Kammeroper von Alois Bröder Unverhofftes Wiedersehen befasst sich damit. Sie rückt den Stoff, den der Komponist Johann Peter Hebels 1811 entstandenen Kalendergeschichten entnommen und nach dem er ein stark an Hebels Sprache orientiertes Libretto geschrieben hat, in die Nähe eschatologischer Aussagen.

Sein Text und damit die Gliederung des Ganzen scheinen irgendwie "aus der Zeit gefallen", und das ist auch ein wenig zu spüren an der Inszenierung von Markus Weckesser. Was Hebels kurze Erzählung auszeichnet, die schon mehrere Dichter und Komponisten zu Nachschöpfungen anregte, ist die Geschichte hinter der Geschichte; sie handelt von einem Bergmann, der bei einem Grubenunglück verschüttet wird und stirbt, aber nach 50 Jahren in konserviertem Zustand wiedergefunden und nur von seiner treuen Verlobten, die ihm ewige Liebe geschworen hat, wiedererkannt wird. Zwar geht alles auf ein reales historisches Ereignis im schwedischen Falun im 17. Jahrhundert zurück, doch Hebel legt seinen "moralischen" Zeigefinger auf die alle Zeiten überdauernde Liebe, die auch der Tod nicht zu zerstören vermag. Der anfängliche Trennungsschmerz geht über in den Glauben an die Auferstehung, und im Epilog, betitelt "Der Komet", endet die 75 Minuten dauernde Oper mit den beschwörenden, besänftigenden Worten des Chors "… in Gottes Hand". Der Prolog "Die Erde" aber beginnt das dreiteilige Geschehen der Kammeroper mit dem Blick vom Standpunkt des Menschen aus, der nicht merkt, daß er vorwärtskommt, obwohl er sich in zeitlich endlicher Bewegung befindet; denn Sonne und Sterne scheinen ihm unveränderlich. Prolog und Epilog werden von einem Sprecher und dem Chor als stimmlichem Kommentator begleitet. Erst mit den drei etwa gleich großen Teilen "Der Abschied", "Der Totentanz" und "Das Wiedersehen" beginnt die auf Weniges konzentrierte Handlung mit dem Liebespaar Anna und Mathias, dem Pfarrer und dem personifizierten Tod. Der Chor wirkt hier mit als Bergleute und Dorfbewohner. Im Mittelteil werden wie im Zeitraffer 50 Jahre damals in Übertiteln angezeigt, angefangen vom Erdbeben in Lissabon bis zur Bombardierung Kopenhagens durch die Engländer; an den Seiten aber gibt es gleichzeitig Video-Projektionen zum Thema Vernichtung aus den vergangenen 50 Jahren des 20. und 21. Jahrhunderts sowie einen kleinen Film mit Szenen aus Annas Leben nach der Katastrophe sowie Sequenzen über Wachstum und Verfall in der Natur. Hier wird Bezug genommen auf unsere Gegenwart und auf Überzeitlichkeit, in der Werden und Vergehen ein normaler Prozess sind.

Warum aber hat Alois Bröder, Jahrgang 1961, gebürtig aus Darmstadt, Schüler von Manfred Trojahn, ebenso ausgebildet in elektronischer Musik, wiederholt mit Auszeichnungen bedacht für seine Orchesterkompositionen, die auch international aufgeführt wurden, nach seiner ersten Oper "Die Frauen der Toten", 2013 am Theater Erfurt aufgeführt, nun für das Mainfranken Theater Würzburg seine zweite Oper geschrieben? Sie ist ein Auftragswerk, angeregt durch den damaligen Würzburger Intendanten Hermann Schneider, der nun am Landestheater Linz wirkt und dort Anfang 2018 das Werk auch zeigen wird. Warum Bröder zu diesem Stoff von Hebel gekommen ist, hat einen tieferen Grund. "Ich mag keine riesenhaften Texte; der Text soll Raum lassen für das, was ich will; ich mag keine äußerlich verwickelten Handlungen; das lenkt nur ab von der Musik", sagt er. Die Idee zur Oper hatte er schon lange vor Erfurt. Er will dabei zwei Momentaufnahmen aus dem Leben zeigen; dazwischen liegt eine lange Zeitspanne. Diesen Zeitsprung aber müsse man visualisieren, sagt Bröder, der die Proben in Würzburg oft besucht und dabei noch eigene Ideen eingebracht hatte. Bei seiner Musik denkt er immer ans Publikum, möchte sich aber nicht anbiedern. Das Orchester, nicht groß, aber praktisch solistisch mit 16 Musikern besetzt, soll die Zuhörer "nach innen" führen mit einer atmosphärisch intimen Musik, die irgendwie nach Bekunden ihres Schöpfers "kristallinen Charakter" aufweist, im ersten und dritten Teil "Zeit-Weichen" stellt als "suchend-atmende, fermatendurchsetzte Erinnerungstakte" und eher flächige, ruhige, lange Linien aufweist mit transparenten Klang-Stimmungen. Erst zur geplanten Hochzeit verliert die Musik bei der Ansprache des Pfarrers ihre Ruhe; ebenso finden sich gelegentlich heftigere Entladungen bei Vorausdeutungen auf das künftige Schicksal und dann beim Grubenunglück. Im Mittelteil, in den laut Bröder die Welt hineingelassen wird, ist es vorbei mit dem intimen Ton; da gibt es Grelles, Aufgewühltes. "Die Tempi sind zumeist deutlich schneller, die Zeit mahlt, reißt alles mit sich … Motive dieses Strudelartigen reichen dann gelegentlich in den dritten Teil hinein", erzählt der Komponist. "Das Wiedersehen" enthält dann "ein längeres Verebben" und eine Korrespondenz zum Beginn. "So kehrt die anfängliche Sternenmusik im Epilog wieder, mannigfaltig verändert und lange auslaufend. Das Geheimnis der Zeit, die zu Ende geht und einem Neubeginn entgegenstrebt."

Daß das ganze Werk, eine Kammeroper, vokal überschaubar, anfangs von Bröder auch für die Aufführung in einer Kirche gedacht war (? A.B.), ist nicht zu verleugnen. Es hat etwas Oratorienhaftes durch die auch musikalisch bestimmende Rolle des Chors. Regisseur Weckesser siedelt es nun auf der Hauptbühne des Würzburger Theaters an, und die Zuhörer sitzen dort um die Spielfläche herum; eine Seite wird vom Orchester eingenommen. Durch die Kostüme von Götz Lanzelot Fischer wird das Geschehen ins 19. Jahrhundert und durch die vorherrschenden Grautöne in eine arme Arbeiterschicht verortet. Lediglich der Tod als Person erscheint ganz in Rot, und am Schluss Anna als alte Braut im romantisch weißen Kleid. Einziges Zugeständnis an eine schöne Zukunft: das gelbe Blumensträußchen, das sich Anna ansteckt. Das Bergwerk, in dem Mathias umkommt, wird mittels der Hebebühne sichtbar. Ansonsten bewegen sich die Bergleute und Dorfbewohner passend zur Musik meist langsam; es gibt keine schnellen oder hastigen Abläufe; nur der Tod scheint ungehemmt, malt mit Kreide einen Lebensweg auf den schwarzen Boden. Die "Überbrückung" der 50 Jahre, in denen Anna auf ihren Verlobten wartet, wird auf der Spielfläche ausgefüllt, indem sie am Schminktisch durch die Maskenbildnerin Natalja Krylova von einer jungen in eine alte Frau verwandelt wird, während auf den Bildschirmen die Videos von Nikolai Kröhnert ablaufen und der Chor im Raum zwischen dem Publikum lange choralartige Linien singt. Ganz zum Schluss senkt sich dann ein Komet, ein sperriges Gebilde, blau und grün angestrahlt, ein wenig herab, optisch kein so geglückter Einfall. Doch durch das gemessene, getragene Spielgeschehen in der Mitte, bei dem das Liebespaar Anna, Silke Evers, und Mathias, Roberto Ortiz, überzeugend und doch zurückhaltend seine Gefühle zeigt und auch noch berührend singt, rückt weniger das Optische, sondern eher der musikalische Ausdruck in den Vordergrund. Dabei bildet der Tod, stimmlich stark: Daniel Fiolka, farblich wie auch von der Bewegung her eine Ausnahme. Der Pfarrer, Taiyu Uchiyama, ist dabei eher eine Nebenfigur, während Georg Zeies als Sprecher aus dem Hintergrund sozusagen die Fäden zieht. Hervorragend in den feinen Abstufungen des Gesangs und stets beschäftigt im angedeuteten Spiel sind der Opernchor, einstudiert von Anton Tremmel, und das äußerst präzise, solistisch klangschön agierende Philharmonische Orchester Würzburg unter der hochkonzentrierten Leitung von Enrico Calesso.

Am Ende zuerst Stille im nur halb besetzten Auditorium bei der Premiere, dann aber lange Begeisterung für diese geglückte Uraufführung. Ob sich das Werk aber auf den Opernspielplänen halten wird, ist abzuwarten, denn so handlungsarme Stücke sind heute nicht ganz so gefragt.

Renate Freyeisen
(O-Ton, 27.6.2017)

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DER TOD IST ROT

Ein junges Paar steht vor der Hochzeit. Doch am nächsten Tag kehrt der Mann, der im Bergbau arbeitet, nicht von der Arbeit zurück. Johann Peter Hebels Erzählung bildet die Basis für Alois Bröders zweite Oper, die in Würzburg uraufgeführt wurde. Jörn Florian Fuchs erlebte einen Abend, bei dem sich das Geschehen auf der Bühne träge und pathetisch dahin zog.

Das Publikum sitzt auf der Bühne des Würzburger Mainfranken Theaters und ist ganz nah am Geschehen. Und dieses hat es in sich. Anna und Mathias wollen heiraten, doch wenige Tage vor dem Freudenfest passiert ein Unglück: Mathias wird in einem Bergwerk verschüttet. Anna bleibt ihrem Beinahe-Gatten 50 Jahre lang treu, als alte Frau begegnet sie ihm noch ein letztes Mal, als die Erde den unverwesten Körper plötzlich freigibt.

Die Vorlage zur Oper ist eine berühmte, ganz kurze Kalendergeschichte von Johann Peter Hebel, die auf wahren Ereignissen beruht. Alois Bröder nimmt sie als Ausgangspunkt, reichert sie jedoch - leider - mit ziemlich pathetischen Texten an. Ein mahnender Chor schleicht durch die eher karge Szenerie, singt vor allem Liegetöne, zwar klangschön, auf die Dauer jedoch ermüdend. Anna (vorzüglich: Silke Evers) schmachtet und leidet in endlosen Wehmutskantilenen, Mathias (mit feinem Tenor: Roberto Ortiz) ergeht sich unterdessen - teilweise posthum - in Liebeserklärungen.

Während Hebel ganz auf die schockierende Pointe setzt und dann eine ruhig formulierte Hoffnung auf das Wiedersehen der Liebenden im Jenseits anfügt, möchte Bröder schlicht zu viel. Beim Lesen wirkt die Geschichte wie ein Blitzschlag, als Oper zieht sich das Geschehen träge und pathetisch dahin. Im ausgedehnten Mittelteil des 75-minütigen Stücks wird Anna auf der Bühne zur alten Frau geschminkt, während das Philharmonische Orchester Würzburg (exzellent präpariert von Enrico Calesso) mächtig dampft und schwitzt.

Auf Leinwänden sieht man Annas Leben im Rückblick, dazu - unsinnigerweise - Bilder von der Mondlandung über Brandts Kniefall in Warschau bis hin zur Gegenwart. Untertitel zeigen Hebels Originaltext, da ist die Rede vom Sieg Napoleons in Preussen oder der Hinrichtung Struensees. Was soll das? Regisseur Markus Weckesser arrangiert das Geschehen zwar klar und und durchaus emphatisch auf der sehr begrenzten Bühne, kann sich aber offenbar nicht entscheiden, wann die Sache nun spielen soll. Schön ist ein rotgewandeter Tod (Daniel Fiolka), der mit Kreide das Paar voneinander abgrenzt und Mathias sozusagen aus der Welt singt.

Jörn Florian Fuchs,
(BR-Klassik.de, 26.6.2017)

2 Kommentare zu dieser Rezension auf BR-Klassik.de:

Ratlosigkeit bleibt einem Rezensenten natürlich völlig unbenommen - so wahnsinnig unerklärlich ist das Ganze aber auch nicht. Auf den Leinwänden lief eine Retrospektive auf das Leben der Figur Anna, zusammen mit den Zeitmarken aus der Hebel-Textvorlage. Die mögen dem zeitgenössischen Leser ein plastisches Bild der bis zum "unverhofften Wiedersehen" verstrichenen 50 Jahre vermittelt haben; der heutige Opernbesucher hat aber eine andere "Benchmark" der Erinnerung und eine andere Zeit-Empfindung. Und daher konnte man auf den Monitoren eine aktuelle Benchmark, eine "unsinnige" (?) zweite Zeitachse sehen. So etwas könnte man Parallel-Montage nennen, oder irgendwie anders - aber mal ganz ehrlich: Das sollte eigentlich in den heutigen Multitasking-Zeiten weder einen Opernbesucher, noch einen Opernrezensenten allzu sehr überfordern oder in Deutungs-Verzweiflung stürzen :) ...

(Regie-Erklärer, 27.6.2017)

Nicht oft trifft man im Öffentlich-Rechtlichen eine Rezension an, die sich so sehr selbst gefällt, ihre Negativurteile behauptet und nicht begründet, so viele tendenziöse Ausdrücke enthält ("schleichen", "schmachten", "dampfen") und dazu voller Fehler steckt ("Liegetöne des Chores", "Anreicherung mit pathetischen Texten"). Und schließlich kein Wort davon, wie das Publikum reagierte - nämlich begeistert. "Was soll das?"?

(Regie-Rezensent, 30.6.2017)

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